Atemfluss, Stakkato – oder: was ich gerne früher gewusst hätte

Wann ist es Zeit für eine bestimmte Übung oder Information? Warum sagen Lehrer nicht einfach, worum es geht?

Gesangsunterricht ist oft ein Ratespiel. Für beide Seiten. Aber manches ist unnötig finde ich. Gerade bei grundlegenden Dingen wie der Atmung.


Atmung als Basis für Gesang

In jeder Gesangsstunde und besonders bei der Probestunde ist Atmung ein Thema. Die meisten Gesangslehrer fangen damit an. Zum einen als Thema an sich, das sich dann in vielen Gesangsstunden fortsetzt und immer wieder aufgegriffen wird. Und es wird gerne auch zu Beginn jeder Gesangsstunde genommen, als Vorbereitung und Einstimmung von Stimme&Körper für das Singen.

Dass Atmen beim Gesang wichtig ist, war mir immer schon klar.

Aber ich habe es weder vom Körper noch vom Verstand her begriffen gehabt.

Es gab Übungen mit Ausatmen. Zum einen stimmlos – z.B. auf f, s (wie in Bus) oder zum anderen stimmhaft, dann gerne auch auf s (aber wie in Rose). Das beliebte stimmhafte „s“ fiel mir in den Übungen immer schwer. Es hat immer etwas gestottert. Rückblickend war das einfach nicht der richtige Konsonant für mich, um den Atemfluss herzustellen. Ich wusste aber eben nicht, wie ich mit meiner Zunge ein dauerhaftes summendes „s“ bilde, denn sonst – beim Sprechen – ist das „s“ ja sehr kurz … und ich wusste auch nicht dass es um Atemfluss geht.

Dann das allseits beliebte „p, t, k, f, s, sch“ oder je nach Lehrer ein paar weniger Konsonanten davon.

Und dann wurde immer wieder nach dem Bauch gefragt, man sollte die Hand auf den Bauch legen oder auch seitlich oder auch mal an den hinteren Rücken. Das passierte auch oft in Workshops. Ab und zu durfte man auch den Bauch des Lehrers anfassen.

Alles wirkte damals in sich schlüssig, ich habe auch Bewegungen und Muskeln in meinem Körper gespürt. Oder dem des Lehrers.

Aber verstanden habe ich rückblickend betrachtet nichts.

Wahlweise wurde dann noch von „Stütze“ oder „Support“ gesprochen oder der Lehrer hatte eine eigene Meinung und Begriff, weil er beide Worte nicht passend oder gar irreführend fand.

Interessanterweise hat mir keiner der Begriffe jemals geholfen oder mich in die Irre geführt.

Ich hätte etwas anderes gebraucht.


Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man letztendlich nur selbst herausfinden kann, was man braucht. Wenn der Lehrer nicht zufällig die „richtige Übung“ auswählt, ist das die einzige Möglichkeit. Das erstaunt mich besonders, denn durch den regelmäßigen Besuch von Workshops und das Ausprobieren verschiedener Lehrer (und auch im Chor gab es Atemübungen) habe ich die unterschiedlichsten Übungen kennengelernt. Aber beim Thema Atmung war das alles nicht das, was ich brauchte.

(Dass die richtige Übung einen so extremen Unterschied beim Singen-Lernen macht, hätte ich niemals gedacht. Vgl den Beitrag zur richtigen Übung)

Sprechen auf dem Atemfluss

Ich hatte vor einigen Jahren sehr viel Stress

Dadurch habe ich mich mit meinem Körper beschäftigt und was mir gut tut und was nicht.

Ich bin unter anderem auch bei einer Atemtherapeutin gewesen. Die mir auf sehr vielen Ebenen geholfen hat.

Die allgemeine Arbeit an meiner Atmung und Stimme hat mir sehr weitergeholfen für den Gesangsunterricht. Es ging zwar um meine Sprechstimme, die stressbedingt dauerbelegt war.

Aber gesunde Sprech- und gesunde Gesangstechnik sind ja miteinander verwoben, immerhin benutzen sie denselben „Stimmapparat“.

Spricht man also sehr gestresst, zieht das auch die Gesangsstimme in Mitleidenschaft und umgekehrt.


Zur Entspannung der Stimme fing es in der Stimmtherapie ganz langsam an. Stück für Stück wurde dem Atem wieder etwas Stimmklang hinzugefügt. Und zwischendurch die Stimme immer wieder entspannt.

Die Atemtherapeutin hatte als Übungsbasis ein „luftiges w“. Also irgendwie eine Mischung aus f und w. Oder eben ein „w“ mit Luft.

Das kam meiner Stimme und meinem Körper sehr entgegen (das summende „s“ war nie meins gewesen siehe oben). Und es war die Basis der Stimmarbeit. Am Anfang nur „fw“, dann ein paar Silben und wieder „fw“ dazwischen und langsam (seeehr langsam, es dauerte Monate!) wurden die Sätze zwischen den „w“s länger. Und die „f“s zu den „w“s wohl auch etwas weniger. Denn mein Körper und ich hatten verstanden: es braucht Luft zum Sprechen. Sprechen auf dem Atemstrom.

Und das Ausatmen im Fluss hat Stimme und Körper entspannt. Auch wenn die Entspannungsphase beim Einatmen ist (reflektorische Einatmung). Das luftige „w“ ist mir übrigens tatsächlich später nochmal begegnet als Entspannungsmethode.

Da ich sehr viel Stress gehabt hatte und ich extrem verspannt gewesen war, musste ich viel üben. Aber ich hatte vom Körpergefühl und vom Verstand nun begriffen, wie wichtig der fließende Atem ist.

Vom „Sprechen auf dem Atemfluss“ zum „Singen auf dem Atemfluss“ war es dann zum Glück nur ein kleiner Schritt. Es kamen zwar noch andere Aspekte dazu, aber das Gefühl des „Fließens“ an sich war zum Glück gleich.

Atemfluss – ein neues Erlebnis beim Singen

Ich hatte eine Gesangspause wegen Ferien gehabt. Die Atemtherapeutin war unsicher, ob mein Gesangslehrer meiner Stimme gut tut (nicht jede Gesangs-Methode ist geeignet bei einer gestressten Stimme). Doch ich hatte Vertrauen in meinen Körper und in meinen Gesangslehrer. Auch durch seine verständnisvolle und fachlich reflektierte Reaktion auf meine Stimmprobleme.

Außerdem hatte ich das starke Bauchgefühl, dass ich wieder auf’s Pferd steigen muss, um den Mut zu haben, trotz Stimmproblemen (weiter) zu singen.

Und tatsächlich kostete es mich einiges an Überwindung, wieder zu singen.

Ich fühlte mich unsicher und sang im Unterricht vorsichtig die ersten Töne. Mein Gesangslehrer war sofort begeistert und rief spontan aus: „Toll, Du hast jetzt verstanden, dass Singen auch Ausatmen ist!“

Das hat mich einerseits gefreut, aber andererseits bin ich der Überzeugung, dass ich bzw. mein Körper schon früher diese Erkenntnis hätte haben können, wenn ich andere Übungen und/oder Erklärungen gehabt hätte. Wenn die Körperwahrnehmung mehr Thema wäre beim Gesang und nicht nur das Ausführen von Übungen. Und zwar individuell für jeden.

Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich noch weitere 25 Jahre Workshops hätte besuchen können und Gesangslehrer hätte ausprobieren können. Aber ohne meine Stimmprobleme und die Atemtherapeutin hätte ich das womöglich nie verstanden bzw. gefühlt. Denn auch danach habe ich keinen Lehrer erlebt, der das so erklärt hat bzw. die Übung hatte, mit deren Hilfe ich das verstanden hätte. Gerade weil ich es nun verstanden und gefühlt habe, fiel mir umso mehr auf, wie absolut unpassend und unverständlich das für mich ist, was Lehrer machen zum Thema Atmen. Betonung auf: für mich. Wenn das anderen hilft, ist das in Ordnung. Aber ich benötige etwas anderes.

Und mir ist bewusst geworden, dass auch der Zeitpunkt entscheidend ist. Der richtige Satz und die richtige Übung zum richtigen Zeitpunkt. Denn manches versteht man erst, wenn man etwas anderes als Grundlage hat. Oder Zusammenhänge herstellen kann.

Den einen Satz, der mir heute zum Durchbruch verhilft, hätte ich vielleicht vor 5 Jahren gar nicht verstanden. Oder zwar intellektuell verarbeitet, aber die Bedeutung im Körper nicht gespürt.

Trotzdem habe ich für mich das Fazit gezogen, möglichst viel auszuprobieren, zu recherchieren, nachzufragen. Wenn ich manches erst in ein paar Jahren einordnen kann … dann ist das so.

Lehrer sollten meiner Meinung nach auch mal was neues probieren. Und altes wieder aufgreifen. Vielleicht klappt es jetzt ganz anders als vor ein paar Monaten.

Meine summenden „s“ zum Beispiel flossen nun besser dank der Vorstellung mit dem Atemfluss. Und in einem Workshop erwähnte ich, dass mir das „fw“ mehr geholfen hat. Die Lehrerin hatte aber die Erfahrung gemacht, dass das „w“ oft unbeliebt ist, weil es nicht gut fließt sondern stottert und außerdem von Schülern unangenehm bewertet wird, weil es auf den Lippen kitzelt.

Das erklärt warum sie und andere Lehrer gerne mit „s“ arbeiten, jedoch ist es bei mir eben so, dass das „s“ zum Stocken neigt.

Gerne hätte mal jemand früher was sagen können

Außerdem hatte ich noch eine wichtige Erkenntnis zur Übung mit dem „p, t, k, f, s, sch“. 25 Jahre lang hatte ich gedacht, die Übung sei für die reflektorische Einatmung. Also habe ich fleißig zwischengeatmet. Und war zufrieden, weil ich schnell zwischen jedem einzelnen Konsonanten eingeatmet hatte und mein Bauch sich mitbewegte.

Nun plötzlich wurde mir klar, dass es auch bei stakkato um den Atemfluss geht. Also nichts mit zwischendurch atmen. Sondern die Stimme auf dem Atemfluss weiterführen, trotz Unterbrechung.

Und da bin ich schon sehr enttäuscht, dass 25 Jahre lang diverse Lehrer und Workshopleiter mich und andere p, t, k, f … haben machen lassen. Und nie hat einer mal gesagt: kannst du das mal ohne Zwischenatmen probieren, im Fluss?

Also da wäre der richtige Zeitpunkt für diese Info eindeutig viel früher gewesen und meiner Meinung nach hätte man, wenn es nicht geklappt hätte, da prima dran arbeiten können. Statt den Schüler unwissend zu lassen.

Seitdem frage ich noch mehr nach, wozu die Übung gut ist. Auch wenn das Lehrer oft nervt und sie das missinterpretieren. Aber nun habe ich mit der p,t,k,f – Übung ein schönes Beispiel dafür, dass eine kleine Info innerhalb der 25 Jahre echt wichtig gewesen wäre.

Sonst hätte ich noch weitere 25 Jahre lang eifrig zwischengeatmet.