Der gute Schüler

Was bedeutet das? Was kann ich als Gesangsschüler tun?


Ein Gesangscoach sagte kürzlich über eine Schülerin: „Sie hat alles direkt umgesetzt, was ich ihr gesagt habe. Das ist `ne gute Schülerin“.

Das erinnerte mich direkt an eine tolle Probestunde die ich hatte.

Es startete mit Atemübungen und ging dann zu Gesangsübungen und schließlich zu Liedern. Wenn es etwas stockte, sagte die Lehrerin z.B. „mehr binden“, „mehr in einer Linie“. Und war begeistert, wie das klappte.

Sie hat das Vokabular verwendet, dass ich verstehen konnte. Und meist wusste ich auch, wie ich es umsetzen kann, denn genau das hatte ich woanders schon gemacht.

Es war eine schöne Stunde für mich, denn ich habe gemerkt, was ich alles schon kann.

Und umgekehrt hatte die Lehrerin auch eine schöne Stunde, weil fast alles geklappt hat, was sie sagte. „Du lernst schnell!“ sagte sie.


Aber das stimmt nicht. Sie sprach nur eine „Gesangssprache“ die ich verstand. Und sie hatte viele Übungen, die ich so oder so ähnlich schon mal gemacht hatte.

Das macht mich dann nach einer von mehreren möglichen Definitionen zu einer „guten Schülerin“. Weil der Lehrer Spaß hatte. Und schnelle Erfolge.

Aber interessanter und viel wichtiger sind die Dinge, die nicht geklappt haben. Und da wird dann aus meiner Sicht deutlich, ob und wie Lehrer und Schüler zusammenpassen. Und – wenn man in diesen Kategorien denken will – wie „gut“ der Schüler ist. Und der Lehrer.

Denn: Ich habe in der Probestunde alles getan, was ich tun konnte.

Aber schnell kam ihrerseits eine (Be)Wertung hinzu. Manchmal konnte ich das eben nicht per Knopfdruck umsetzen, habe noch mal durchgeatmet, um mich zu sammeln oder kurz nachgedacht, was sie gemeint haben könnte und wie ich das umsetzen kann.

Und schon kamen Anweisungen wie: „Denk nicht nach, einfach machen.“ oder Wertungen wie: „Du bist sehr kritisch.“ weil ich etwas zögerlich gewesen war. Zu Beginn widersprach ich noch.

Aber sie sah in mir sich selbst von früher und interpretierte mein Verhalten entsprechend.

Ich habe dann keine weitere Stunde bei ihr genommen, weil ich die Befürchtung hatte, dass das unschön eskalieren könnte (wie z.B. bei der ersten Logopädin, vgl. Beitrag zur „Richtigen Übung“).


Und es war schön, das Erlebte einfach so stehen zu lassen. Die Stunde hatte mir gut getan, weil ich gemerkt hatte, was ich alles schon kann. Oft genug hatte ich mit einem Gesangslehrer an etwas „gearbeitet“, das nicht so recht klappen wollte. Und das ist dann frustrierend und fühlt sich zäh an.

Also nein, der Aussage des Gesangscoachs oben kann ich nicht zustimmen.

Aber es gibt einige Dinge, die ein Gesangsschüler tun kann. Was genau, ist individuell, denn es geht um eins: das zu tun was einem gut tut. Und dazu gehört herauszufinden, was einem gut tut.

Auf der Ebene der Gesangsübungen trägt hier der Lehrer die Verantwortung. Er wählt die Übungen aus. Die Aufgabe des Schülers ist, Rückmeldung zu geben, z.B. wenn es sich nicht gut anfühlt, der Körper verspannt, der Stress steigt. Oder wenn etwas unklar ist.

Ansonsten kann der Schüler sich um seinen Körper kümmern. Ich bin z.B. damals neben der Atemtherapeutin noch bei einer Osteopathin gewesen, weil ich die Verspannung selbst und allein mit Atmen nicht loswerden konnte.


Auch ein Lehrer lernt immer dazu

Mein Mann ist Kung Fu Meister und sagt: das wichtigste ist, dass der Schüler sich Mühe gibt.

Und mein Mann sagt, dass es gerade interessant für ihn ist, wenn ein Schüler es nicht versteht oder umsetzen kann, was er erklärt. Weil er es dann auf eine andere Art und Weise zeigen oder erklären muss. Sich Gedanken machen muss. Das ganze aus einem anderen Blickwinkel betrachten muss. Und oft genug hatte er dadurch neue Erkenntnisse. Hat neue Zusammenhänge verstanden.

Mein Appell an alle Lehrer ist deshalb, es Wert zu schätzen wenn der Schüler nachfragt, wenn er etwas nicht versteht.

Und wenn jemand etwas nicht versteht oder umsetzen kann, ihn dann nicht als „schlechteren“ Schüler zu bewerten. Eine Stunde, in der alles klappt, ist für beide Seiten toll. Aber interessanter ist es zu verstehen, warum mal etwas nicht klappt und eine (ggf. neue) Lösungsidee dafür zu haben.

So wie ich die Atem-Übung umdrehte (vgl. Beitrag zur richtigen Übung).

Ein guter Schüler ist in meinen Augen jemand, der interessiert ist, zuhört, übt, nachfragt wenn er etwas nicht versteht. Seine Bedürfnisse kennt und äußert (was brauche ich gerade?).