Die richtige Übung – wie sie alles verändern kann


Körperwahrnehmung ist wichtig – nicht nur beim Singen.

Eine Gesangslehrerin sagte mal: „Ich habe viele, die spüren sich gar nicht.“ Mittlerweile habe ich Zweifel, ob das stimmt. Liegt das „Nicht-Spüren“ vielleicht daran, dass bisher noch nicht die zum Schüler passende Übung gefunden wurde? Was die „richtige“ Übung bewirken kann, habe ich in einem grundlegenden Aha-Erlebnis erfahren. So eines wünsche ich jedem.


Durch viele Erlebnisse habe ich gelernt, dass man letztendlich nur selbst herausfinden kann, was man braucht. Denn wenn der Lehrer nicht zufällig die „richtige Übung“ für einen auswählt, ist das die einzige Möglichkeit.

Aber dass die richtige Übung einen so extremen Unterschied macht, hätte ich niemals gedacht.

Herausgefunden habe ich es zufällig durch eine Kombination aus sehr viel Stress und sehr viel Pech.


Zum Thema Stress habe ich an anderer Stelle schon einiges geschrieben und werde dies auch weiterhin tun.

Ich hatte vor einigen Jahren sehr viel Stress und es war mir nicht aufgefallen, dass Körper und Geist davon immer mehr beeinflusst waren, bis einer Gesangslehrerin meine belegte Sprechstimme auffiel und mir empfahl, mir Logopädie verschreiben zu lassen. Das sei auch für den Gesangsunterricht hilfreich.

Ich hatte Logopädie bis dahin mit Dingen wie Stottern, Lispeln oder anderen Problemen mit der Aussprache verbunden. Und hatte bei der Suche nach einer Logopädin (noch) keine Ahnung.

Ich hatte dann viel Pech, aber genau das hat mir wichtige Erkenntnisse gebracht.

Die Logopädin überschüttete mich mit Entspannungs- und Stimmübungen und fragte dauernd, wie ich mich fühle. Oder was. Das klingt erst mal nicht schlimm und sogar nach der von mir oben erwähnten und gewünschten Körperwahrnehmung. Bzw. dem Training dafür. Leider ging es ihr aber nicht um mich und das was ich fühle. Es ging immer nur darum, dass ich die Antworten gebe, die sie hören wollte, damit sie zur nächsten Übung gehen konnte.

Das extremste und anschaulichste Beispiel schreibe ich hier nieder, aber natürlich gab es sehr viel mehr.


„Sie müssen mehr auf Ihren Körper hören“

Logopädie-Stunde. Die siebte von zehn.

Ich sollte alles in meinem Gesicht anspannen, Zähne aufeinanderpressen usw. und dann loslassen.

Dann kam die Frage: „Was spüren Sie in Ihren Wangen?“

Ich: „Nichts“

Sie war offensichtlich mit meiner Antwort unzufrieden und fragte etwas genervt nochmal nach. Ich sagte wieder: „Nichts.“

Sie fragte immer und immer wieder nach. Insgesamt zehnmal (!).

Nach dem fünften Mal meinte sie reichlich genervt: „Jetzt mache ich es Ihnen schon extra einfach! Ich frage Sie gar nicht mehr, WAS Sie spüren, sondern OB Sie etwas spüren.“

Ich spürte aber (weiterhin) nichts und merkte aber nach neun Malen, dass wir so wohl nicht weiterkommen würden.

Ich war aber auch nicht bereit, die Antwort zu geben, die sie hören wollte, wenn es nicht stimmte. Es ging ja um mich und meine Gefühle.

Deshalb sagte ich mühsam: „Wenn ich es mir einbilden würde, könnte ich vielleicht etwas spüren.“

Mehr Konjunktive hatte ich auf die Schnelle nicht in der Antwort unterbringen können. Sie hat die Botschaft zwischen den Zeilen aber nicht gehört, sondern war augenblicklich am Strahlen und überglücklich (und dachte vermutlich: endlich fühlt diese störrische Patientin das was sie soll.).

Damit war die „Übung“ endlich beendet. Und in dem Augenblick wo der Druck weg war, etwas spüren zu müssen, fühlte ich die Entspannung in meinem Gesicht. Ich konnte dies aber nicht mehr sagen (in der Regel kam ja dann auch sofort die nächste Übung).

In diesem Fall sagte die Logopädin aber augenrollend: „Sie müssen aber auch mehr auf Ihren Körper hören!“

Und ich dachte mir nur: wenn ich das tun würde, würde ich Sie erwürgen.

Gesagt habe ich dann stattdessen, dass ich es respektlos finde, wenn sie mir zehnmal dieselbe Frage stellt. Sie entschuldigte sich dann und fragte zurück, wie oft Nachfragen denn in Ordnung sei. Ich meinte daraufhin etwas zögerlich: einmal ist okay (am liebsten hätte ich spontan „Gar nicht“ gesagt, aber manchmal kann eine Nachfrage ja sinnvoll sein, um z.B. Missverständnisse aufzuklären.)

Und die Antwort der Logopädin darauf? „Na gut, einigen wir uns auf dreimal.“


Endlich Hilfe – und DAS Aha-Erlebnis

Wenig überraschend habe ich mir eine neue Logopädin gesucht und hatte das Glück, bei einem neuen Arzt das auch noch mal verschrieben zu bekommen.

Ich wusste nun was ich nicht wollte und achtete mehr darauf, dass es um Stimme geht (eine Praxis speziell für Stimmstörungen. Denn ich hatte gelernt: es gibt Sprech-, Sprach und Stimmstörungen. Und es gibt Praxen, die alles anbieten, aber auf nichts spezialisiert sind.)

Ich hatte dann richtig großes Glück, an eine Logopädin und Atemtherapeutin zu kommen.

Was mein gestresster Körper und Geist dringend benötigten bekam ich nun: Geduld, Respekt und Verständnis.

Und das wichtigste Erlebnis, das ich zum Thema Körperwahrnehmung jemals hatte. Und zugleich die Erkenntnis, wie grundlegend entscheidend die „richtige Übung“ ist.

Nach Atmen, das eher „Durchatmen“ als eine Übung war, kam eine Atemübung kombiniert mit einer Bewegung. Die Logopädin ging ganz langsam und geduldig vor. Erst mal nur atmen. Dann die Bewegung. Dann auf das eine achten, dann auf das andere. Und schließlich auf das Zusammenspiel.

Es war wie es mir schon so oft bei Übungen ergangen war: ich machte das zwar alles. Aber wenn ich mich auf die Atmung konzentrierte, schien die Bewegung etwas aus dem Fluss zu kommen. Konzentrierte ich mich auf die Bewegung, floss der Atem nicht mehr so. Es fühlte sich so an wie zwei Zahnräder, die nicht ganz ineinander greifen. Es kostete mich ständige Konzentration, beides am Laufen zu halten. Irgendwie war es zäh und anstrengend.

Ich war es gewohnt, dass dann vom Gegenüber ein: „Einfach machen!“, „Nicht nachdenken!“ oder ähnliches kam.

Aber sie blieb geduldig und verständnisvoll und schlug eine andere Bewegung in Kombination mit dem Ein- und Ausatmen vor.

Und in dem Augenblick, als ich die Bewegung machte, war plötzlich alles anders: ich musste nicht beides konzentriert am Laufen halten. Die Frage, die sie erst später stellte, hatte sich sofort beantwortet: Atmung und Bewegung waren eins. Ein harmonisches Ganzes. Einfach ein tolles Gefühl im Körper. Eine Harmonie die ich nie (oder schon sehr lange nicht mehr) gespürt hatte. Ich musste auf nichts achten. Alles lief wie von selbst.

Sie probierte noch eine dritte Bewegung aus. Und wieder wurde ich vom Ergebnis überrascht: in dem Augenblick, als ich die Bewegung ausführte, war mein gesamter Körper komplett verspannt und ich hatte aufgehört zu atmen.

Nach der Rückmeldung von mir dazu, kam ein fröhliches: „Dann nehmen wir die zweite Übung.“ von der Logopädin.

Ich hingegen war jenseits meiner bisherigen Gedanken- und Gefühlswelt: niemals hätte ich gedacht dass drei Übungen (die alle laut Lehrbuch dasselbe bewirken sollen) derart unterschiedliche Auswirkungen haben.

Und welch ein Zufall, dass die drei Bewegungen, die sie ausprobierte, auch drei unterschiedliche Dinge bewirkten.

A) es ist alles ganz leicht und harmonisch

B) es ist irgendwie zäh, geht aber mit Konzentration

C) es geht gar nicht

Und es wurde mir schlagartig so vieles klar: die vielen Male wo ich mich durch Übungen gequält hatte und mir gesagt wurde: mach einfach, lass dich auf die Übung ein, denk nicht nach.

Oder wenn man die Gedanken des Lehrers, die er vermutlich hatte, stark zusammenfasst: „Stell Dich nicht so an!“.

Dann hatte ich mich immer doppelt schlecht gefühlt. Dass die Übung nicht so geklappt hat, dass alles so zäh gewesen war. Und dass wohl irgendwas mit mir bzw. meinem Mindset nicht stimmte. Dass irgendwas in meinem Inneren total schwierig und anstrengend ist. Und dann war ich genervt von mir selbst gewesen und habe in meinem Inneren nach Gründen gesucht, warum die Übung sich so zäh anfühlt.

Und die vielen Male, wo mir unterstellt worden war, ich hätte kein Körpergefühl Nur weil ich nicht das fühlte was ich sollte. Was das Lehrbuch sagte oder der Lehrplan des Lehrers.

Ich bekam das Selbstbewusstsein, dass mein Körpergefühl richtig ist, auch und gerade wenn es sich zäh anfühlt. Es gibt Gründe für das zähe Gefühl, ja. Vielleicht muss ich eine innere Bremse lösen. Vielleicht ist es aber auch einfach nicht die passende Übung.


Meine Körperwahrnehmung – und endlich Bauchgefühl

Mit dieser Erkenntnis und dem Gefühl für die drei möglichen Wirkungen einer Übung, bin ich an die Übung in der nächsten Stunde ganz anders herangegangen: auf einen Igelball tretend sollte ich ausatmen und dann beim Zurückgehen einatmen.

Das kannte ich schon von der ersten Logopädin, aber es war damals zäh gewesen und sie genervt. Und ich auch.

Nun aber übte ich zu Hause und merkte: irgendwas stimmt einfach mit der Übung nicht. Beim Zurückgehen war ich immer angespannt. Dieses Grundgefühl in meinem Körper konnte ich nicht ändern.

Also kehrte ich die Übung um: ich atmete beim Zurückgehen aus und beim nach vorne gehen ein. Und plötzlich fühlte sich alles viel leichter und stimmiger an. Die Übung entsprach nun meinem Körpergefühl.

Als ich in der nächsten Stunde der Logopädin beides vorführte war sie überrascht und begeistert. Zu meiner Variante sagte sie: „Und plopp war der Bauch draußen.“ Und ich verstand plötzlich, dass es nicht um die Bauchbewegung ging, denn das Rein und Raus des Bauches geht auch ohne Atmen, nur mit Hilfe von Muskeln. Der Wechsel von Anspannung und Entspannung ist aber etwas anderes. Und in dem ganzen Stress hatte mein Körper das verlernt, war dauerangespannt gewesen, hatte nie mehr losgelassen.


Ja, Atmen beim Gesang ist mehr als reflektorische Einatmung, aber die Entspannung zwischendurch ist wichtig, sonst baut sich zu viel Spannung auf.

Das hatte ich nun verstanden und gefühlt.

Ein langes Ausatmen und das entspannte oder besser entspannende Einatmen ist deshalb seitdem eine wichtige Methode für mich, Stress und Anspannung loszuwerden. Zugleich merke ich auch an der Bauchbewegung, wenn die Anspannung (noch) nicht weg ist. Ganz wichtig für mich: Entspannung kann man nicht erzwingen. Sonst bewegt sich zwar zum Beispiel der Bauch, aber ohne dass sich die Spannung wirklich löst.

Und Entspannung ist auch nicht das Gegenteil von Stress. Vergleiche den Beitrag zu Stress und Entspannung „Entspannung finden – den eigenen Weg finden„.