Entspannung – das begegnet einem überall und scheint jeder zu wollen. Verbunden vielleicht mit einem Gefühl von Freiheit oder mit Loslassen. Aber wie soll man das finden mitten im Stress? Und warum verstärken Ratschläge von anderen das Problem noch?
Bereit zum Entspannen?
Manchmal hat man Stress und weiß was man benötigt, um ihn loszuwerden. Legt sich zum Beispiel nach einem stressigen Arbeitstag in die Badewanne, liest auf dem Balkon ein Buch oder geht Joggen. Oder die Freundin hat einen guten Tipp oder man stößt online auf einen Entspannungstipp und sagt: super, das probiere ich aus. Und dann ist man wieder erholt.
Aber was ist, wenn man (zu lange) nicht bemerkt hat, wie gestresst man ist. Wenn sich (zu) viel Stress angestaut hat? Wenn ein Bad nicht mehr entspannt und das Lesen des Buchs zu anstrengend ist?
Bei mir gab es privat einiges an Stress über Jahre und als dann noch beruflich und familiär Stress dazu kam, war es zu viel. Das heißt, ich wollte entspannen, aber es ging nicht mehr. Die bisherigen Methoden funktionierten nicht mehr. Ich habe keine Verabredungen mehr abends gemacht, in der Absicht, den Freizeitstress zu reduzieren und „einfach mal in Ruhe“ auf der Couch zu sitzen. Habe gesungen. Habe versucht zu lesen.
Ich habe verschiedenes ausprobiert und auch bewusst „nichts“ gemacht. Ich habe Ratschläge versucht umzusetzen, aber das hat mich nur noch mehr gestresst. Rückblickend betrachtet war ich einfach zu ungeduldig, nach dem Motto „Warum hilft das denn jetzt nicht?“. Aber wenn man gestresst ist, ist man eben in einem gewissen Zustand. Und will diesen schnell beenden.
Ich habe auch gefühlt das ganze Internet durchsucht und mir immer neue Suchbegriffe einfallen lassen, um zu finden, was ich benötige, um zu entspannen.
Dort bin ich dann zunächst auf das gestoßen, was ich bereits gefühlt hatte. Ich hatte nach dem Umgang mit gestressten Menschen gesucht. Und einen wichtigen Satz gefunden:
Das einzige was man einem gestressten Menschen nicht sagen darf ist … was er tun soll.
Ja genau! Ich fühlte mich verstanden. Die ganzen Ratschläge von Freunden und Bekannten hatten mich nur noch mehr gestresst. Und weil es nicht geklappt hat, fühlte ich mich zusätzlich schlecht.
Und war genervt von den ganzen Tipps, den gut gemeinten Ratschlägen. Aber ich suchte weiterhin nach einer Lösung. Denn ich wollte ja entspannen. Aber es ging nicht.
Da meine Stimme inzwischen dauerbelegt war, hatte ich Logopädie verschrieben bekommen, leider stresste mich das noch zusätzlich. Denn es wurde gefühlt ein ganzer Eimer an Übungen über mir ausgeschüttet. Ich arbeitete diese Übungen ab, aber sie brachten keine Entspannung.
Rückblickend betrachtet waren diese Übungen an sich nicht schlecht. Aber zehn davon für einen gestressten Menschen einfach zu viel. Kombiniert mit der Ungeduld der Logopädin – tatsächlich sagte sie Dinge wie: „Jetzt machen Sie doch mal!“ – hat das leider alles nur verschlimmert und ich war froh, als sie vorschlug, mal ein paar Tage lang keine Übungen zu machen und zu schauen, wie sich das anfühlt.
Tatsächlich ging es mir in den Tagen viel besser. Endlich keine „Entspannungs To Dos“ auf der Liste.
Aber eine Lösung war noch nicht gefunden. Außer der Erkenntnis, dass die Logopädin nichts für mich war. Zu dem Zeitpunkt war ich auch unsicher, ob Logopädie überhaupt das richtige für mich ist. (Hinweis: unbedingt den Beitrag zu der richtigen Übung lesen, um mehr über Logopädie bzw. Stimmtherapie und Atemtherapie zu erfahren)
Ich suchte weiter und gab immer wieder andere Suchbegriffe im Internet ein.
Und dann war ich mal wieder auf einer Seite mit Tipps zum Entspannen. Überflog diese. Wieder stand da so was wie Buch lesen, Spazieren gehen … kannte ich alles schon.
Ich war schon dabei, die Seite zu schließen.
Doch dann lasen meine Augen einen Nebensatz in der Einleitung zu den Übungen:
Das Gegenteil von Stress ist übrigens nicht Entspannung, sondern Belastbarkeit.
Und in dem Bruchteil einer Sekunde als ich das gelesen hatte ging es mir besser.
All die Gedanken, Probleme, Widersprüche in meinem Kopf lösten sich auf. Warum das mit dem Entspannen nicht geklappt hatte. Warum Entspannen wichtig ist, es aber nicht automatisch den Stress neutralisiert. Dass man Belastbarkeit benötigt – auch um Entspannungsübungen überhaupt machen zu können. Warum mich Entspannungsübungen gestresst haben.
Und so vieles mehr. In einem Moment hatte sich so viel aufgelöst und erklärt.
Und ich konnte direkt zwei Entspannungsübungen machen. Weil der Druck weg war, entspannen ZU MÜSSEN.
Ich war nun BEREIT zu entspannen.
Die Lösung im Problem gefunden
Trotzdem war damit nicht automatisch alles gut. Aber ich ging entspannter 🙂 daran, Lösungen zu finden für mich, meinen Körper, mein Stressproblem.
Den Stress selbst – also den Auslöser – hatte ich beruflich und familiär bereits deutlich reduziert. Aber etwas saß nun tief in meinem Körper fest. Und ich bekam es nicht los.
Und ich merkte: ich kann mich nicht entspannen.
Und sah in diesem Satz plötzlich auch die Lösung. Ich kann mich nicht entspannen. Also folgt daraus: wenn ich es nicht kann, müssen es andere für mich tun.
Denn ich hatte immer wieder gemerkt: in dem Moment, wo ich etwas tun musste, war ich gestresst. Und das galt auch für Entspannungsübungen.
Also ging ich zur Rückenmassage und fand erste Entspannung. Und kümmerte mich um meinen schmerzenden Arm, der bei der Entspannung definitiv störte. Ließ mir Physiotherapie verschreiben. Achtete aber auch darauf, nicht zu viel auf einmal zu machen.
Und ich merkte, dass ich auf dem richtigen Lösungsweg war: mich irgendwo hinzulegen und jemand anderes knetet an meinem Arm oder Rücken herum, das war genau das, was ich brauchte. Ich musste nichts machen, konnte entspannen. Und mein Körper wurde von jemand anderem entspannt.
Denn auch das merkte ich: die vielen Ideen, wie man seinen Körper entspannt, zum Beispiel mit progressiver Muskelentspannung, die hatten mir nicht geholfen. Weil mein Körper komplett verspannt war. Ich konnte ihn gar nicht noch mehr anspannen, um dann loszulassen. Das musste erst mal gelockert werden – und zwar von außen.
Der Geist folgt dem Körper – mein zweites Aha-Erlebnis
Und so kam es, dass ich parallel zur Atemtherapie noch Physiotherapie wegen meines Arms hatte und dann auf die Idee kam, Osteopathie auszuprobieren. Zehn Jahre zuvor hatte mir das bei Rückenschmerzen nicht geholfen. Es kam mir ehrlicherweise damals auch immer noch etwas esoterisch vor. Aber nun hatte ich das Gefühl, dass ein ganzheitlicher Ansatz meinem Körper helfen würde.
Und ein zweites Mal in dieser Zeit hatte ich ein ganz wichtiges Erlebnis.*
*Das erste findest Du hier im Beitrag über die richtige Übung.
Nach dem ersten Besuch bei der Osteopathin hatte ich mich größer gefühlt, nach dem zweiten zweiten breiter.
Und dann kam die dritte Stunde. Wieder zog sie hier und drückte da. Und dann löste sie eine Verspannung in meiner Schulter. Ich war noch überrascht gewesen, dass da ein Problem war, denn es war die Schulter des Arms, der nicht weh tat.
Und dann ging ich nach Hause und plötzlich war alles anders. Alles fühlte sich so leicht an. Wie ein Stau, der sich aufgelöst hatte. Energie, die wieder floss. Bzw. fließen konnte. Dieses zähe Gefühl, das irgendwie bei allem immer dabei gewesen war, was ich in den letzten Jahren gemacht hatte, war plötzlich weg.
Ich fühlte mich wie auf Wolken, so wie frisch verliebt, nur ohne rosa. Tagelang habe ich dauergestrahlt aus meinem Inneren.
Niemals hätte ich gedacht, dass körperliche Entspannung so sehr auf den Geist wirkt.
Klar, durch den ganzen (geistigen und emotionalen) Stress hatte sich mein Körper über die Jahre immer mehr verspannt. Eine Verbindung von Geist und Körper war mir bewusst.
Aber dass das Lösen einer Verspannung im Körper auch mit einem Schlag den Geist befreit, hätte ich nicht gedacht.
Auch wenn die „Wolken“, also das schwebende Gefühl wie beim Frisch-Verliebtsein, irgendwann weg gingen, so blieb doch eine Leichtigkeit und das zähe Dauergefühl von davor war weg.
Und mir kam vieles andere ins Bewusstsein. Die Leute z.B. die sagen. „Man muss nur wollen.“ Auch ich bin der Meinung, dass man grundsätzlich alles erreichen kann, wenn man will. Aber entspannen zu WOLLEN reicht eben nicht. Man muss auch BEREIT sein (siehe oben), und etwas tun. Etwas, was einem gut tut und zu einem passt. Und das „Bereit sein“ ist nicht nur ein Frage des Wollens, das kann man nicht erzwingen. Manchmal muss man auch Glück haben, das Richtige für sich zu finden.
Ich war sehr glücklich, meinen Weg intuitiv gefunden zu haben. Mit meinem „Bauchgefühl“.
Was wäre gewesen, wenn ich mich damals für Psychotherapie entschieden hätte, für einen Lösungsversuch durch Geist statt Körper? Ohne Probleme hätte ich sicherlich damals ein Burn-Out diagnostiziert bekommen.
Und ich bin mir heute wie damals sicher, dass ich jahrelang bei einem Psychotherapeuten hätte über meine Probleme reden können und auch Entspannungsübungen hätte machen können.
Aber das hätte mir nicht geholfen. Dieser eine Moment bei der Osteopathin, wo meine Energie wieder floss, hat mit Sicherheit jahrelange Therapie ersetzt.
Ich habe meinen Lösungsweg zum Thema Entspannung gefunden. Darüber bin ich sehr froh.
Ich habe viel ausprobiert und gemerkt, was mir gut tut und was nicht. Was mich (zusätzlich) stresst und was nicht.
Und wurde überrascht, wie sehr der Körper dem Geist helfen kann. Zuvor dachte ich, es sei eher umgekehrt.
Ich kann nur jeden ermutigen, seinen eigenen Weg zu finden. Vieles auszuprobieren. Und wünsche jedem viele tolle Momente, schöne Erlebnisse, eine tolle Reise.
