Das erste Mal Leise Singen
Alles begann als ich einen neuen Gesangslehrer ausprobierte. Es schien vom ersten Eindruck her zu passen. Aber schnell tauchte ein Problem auf: ich sollte leise singen. Ich dachte ich hätte das getan, aber es kam als Reaktion. „Das ist nicht leise!“ Ich probierte es wieder und wieder.
Ich habe mich wirklich bemüht leise zu singen. Aber es war nie leise genug. Und er wurde immer ungeduldiger und genervter von mir und ich frustrierter, weil es nicht klappen wollte.
Er versuchte es mit Bildern – z.B. dass ich in einem Raum mit schlafenden Menschen bin und niemanden aufwecken will. Aber das half nicht. Ich wusste ja, was er mit leise meinte. Aber es war immer zu laut, was aus mir herauskam. Und meine Frage, ob ich das dazu Nötige vielleicht einfach nicht ansteuern kann in meinem Körper wischte der Lehrer weg. Das sei Quatsch. Natürlich könnte ich das. Ich müsse es nur wollen. Ich solle mich nicht so anstellen. Mich auf die Übung einlassen.
So fing ich an, meine Stimme irgendwie aufhalten zu wollen. Rückblickend eine blöde Idee, aber ich wurde immer verzweifelter und frustrierter und er immer genervter. Und so probierte ich ratlos und verzweifelt alles mögliche, um irgendwie leiser zu singen. Während er immer genervter wurde weil ich es nicht hinbekam und mir sogar unterstellte, es absichtlich falsch zu machen.
Am Ende merkte ich, wie ich krampfhaft versuchte leise zu singen und wirklich alles in mir verspannt war: ich schob die Luft nur noch durch meine Stimmlippen, geschwungen hat da gar nichts mehr. Das habe ich deutlich gespürt. Und das war ein wichtiges Erlebnis und eine wichtige Erkenntnis gewesen. Ich merkte bei allem Selbstzweifel (dazu mehr weiter unten): das kann es nicht sein.
Ich beschloss, dass das nicht das richtige für mich ist und suchte mir einen anderen Lehrer.
Die (unerfüllte) Aufgabe, leise und locker zu singen blieb aber in meinem Unterbewusstsein.
Vermutlich auch deshalb, weil mir das Thema schon zum zweiten Mal begegnet war: vor über 25 Jahren studierte eine Bekannte Gesang und erzählte mir von einer ihrer Schülerinnen, die leise singen sollte (und damit Probleme hatte). Ich hatte schon damals Verständnis für die Schülerin und fand, dass meine Bekannte viel zu ungeduldig und genervt war von der Schülerin.
Aber es hatte sich etwas eingegraben in mein Unterbewusstsein: Leise-Singen ist wichtig, gar grundlegend für das Singen. Denn die Lehrer nutzen es gleich zu Beginn, als Basis, um alles darauf aufzubauen.
Und ich? Ich bin dann wohl zu laut, gebe zu viel Druck, mache etwas Grundlegendes falsch. Bekomme noch nicht mal die Basis des Gesangs hin. Und weiß auch nicht, was ich ändern soll, weil ich nicht weiß, was ich falsch mache. Der Frust war entsprechend groß, aber mir noch nicht in allen Ausmaßen bewusst.
Doch mein Selbstbewusstsein hatte massiv gelitten. Nicht nur weil ich etwas nicht konnte, gar nicht wusste, wie ich das hinbekommen soll. Sondern auch durch diesen Satz: „Das ist nicht leise!“. Obwohl ich nach meinem Empfinden leise gesungen hatte. Das nährte den Zweifel an meiner eigenen Wahrnehmung. Schürte den Verdacht, dass das, was ich fühle, nicht richtig ist.
Erst über eineinhalb Jahre später bei der Atemtherapie habe ich das Vertrauen in meine eigene Wahrnehmung wiedergefunden. Vgl. Beitrag zum Thema „Die richtige Übung“.
Das zweite Mal – immer noch nicht leise
Viele Jahre später. Auf der Suche nach einer Idee für ein bestimmtes Stimmproblem habe ich eine Gesangslehrerin ausprobiert, die den Ruf hat, schnell Stimmen analysieren zu können. So dachte ich, sie hätte vielleicht noch eine neue Idee für mich.
In der Gesangstunde landeten wir aber schnell beim Leise-Singen. Und ich nahm es als Chance für einen neuen Versuch. Nun hatte ich doch viel mehr Erfahrung und durch die Atemtherapie auch mehr Körperbewusstsein.
Und ich wusste wie es sich anfühlt, wenn ich es krampfhaft versuche.
Ich ging es also so locker und gelassen wie nur möglich an und achtete darauf, es nicht „zu sehr“ zu wollen. Hatte meine Stimme nicht bei meinem Gesangslehrer in den letzten Jahren in vielen verschiedenen Höhen und Lautstärken geschwungen und geklungen? Zuversichtlich und selbstbewusst startete ich mit leisen Tönen.
Aber dann kam er wieder, der Satz: „Das ist nicht leise!“.
Puh. Immerhin war sie nicht so genervt, sang es mir noch mal vor, sagte, dass es kein Problem ist wenn die Stimme wegbricht. Gab sich wirklich Mühe. Und ich auch.
Aber das Ergebnis blieb. Es war „nicht leise“.
Sie sagte. „Erlaube Dir leise zu singen!“.
Und ich war mir sicher. Dieses Mal war ich beim Singen nicht krampfhaft und verzweifelt gewesen. Ich hatte es so gelassen und entspannt versucht wie möglich. Und doch fiel es mir schwer, dem aufkommenden Frust keinen Raum zu geben. Denn ja, ich hatte gehofft, dass ich nun nach den vielen Jahren „leise“ singen könnte. Dass ich das, was man dafür benötigt, mittlerweile durch Atemtherapie, Entspannungsübungen und Gesangsunterricht bei einem geduldigen Lehrer gelernt hätte. Aber dann wohl nicht – stellte ich enttäuscht fest.
Am Ende sagte sie: „Wir werden um das Leise-Singen nicht herumkommen. Alles andere hat mit Verspannung zu tun.“
Und ich verabschiedete mich von ihr mit den Worten, dass das Leise-Singen nichts für mich ist. Dass ich mit anderen Übungen wie z.B. Resonanz-Spüren gute Erfahrungen gemacht hätte und dass ich es damit weiter probieren würde.
Das war natürlich eine starke Vereinfachung und Zusammenfassung meinerseits gewesen. Aber ich wollte im Guten auseinander gehen (sie hatte sich ja Mühe gegeben) und ihr zugleich nicht Recht geben, dass es ohne Leise-Singen nicht geht.
Mein Gesangslehrer bestärkte mich in meiner Meinung und Wahrnehmung. Leise-Singen sei sehr schwer und käme im Studium erst spät dran.
Ich dachte, dass die Erfahrung mir nun geholfen hätte, mit dem Thema abzuschließen. Leise-Singen ist nichts für mich. Punkt.
Nicht weil ich es nicht will oder kann, aber es hilft mir nicht, um den richtigen „Modus“ herzustellen. Umgekehrt, wenn ich bzw. meine Stimme im richtigen Zustand sind, kann ich auch leise singen. Leise singen ist (für mich) nicht der Weg zu etwas, sondern ein Ergebnis eines Zustandes, den ich auf andere Art und Weise herstelle/finden werde.
So hatte ich das Thema abhaken wollen.
Nie wieder leise und locker singen?
Aber nach einigen weiteren Jahren musste ich feststellen, dass ich irgendwie nicht weiterkam. Im Gesangsunterricht lief es nicht bzw. zäh. Ich merkte: ich muss in meinem Inneren etwas ändern. Und beim Erforschen meiner Gedanken und Wünsche bemerkte ich, dass ich dem Ideal von „Leise und Locker“ immer noch hinterherlief. Und dass es mir nicht half.
Es war für mich immer noch so etwas wie der „Heilige Gral“ des Gesangs. Etwas das man können, erreichen sollte. Etwas für mich Unerreichbares. Etwas, was mich immer nur frustriert, weil ich es einfach nicht hinbekomme. Dafür hatte ich immer das Gefühl, zu viel zu machen, nicht locker genug zu sein Es müsste sich doch alles ganz leicht anfühlen?
Stattdessen war ich immer nur frustriert. Und das immer noch nach so vielen Jahren, seit ich das erste Mal erfolglos versucht hatte leise zu singen.
Ich fasste den Entschluss, dass zu lassen. Einfach zu singen. Egal, dann ist es eben nicht locker und leise.
Und in der nächsten Gesangsstunde lief es plötzlich viel besser so dass mein Lehrer wissen wollte, was passiert war.
„Ich habe aufgehört zu versuchen, leise und locker zu singen.“ sagte ich.
Und eine gewisse Zeit lang lief es besser. Vielleicht sogar gut. Ich erinnerte mich an einen Workshop wo bei einer Übung gesagt wurde: „Sing das ‚U‘ so, als ob Du dein Leben lang darauf gewartet hast, das zu singen.“ Das fand ich immer noch übertrieben. Aber ich wusste was gemeint war. Nichts zurückhalten. Den Ton, den man singt, auch so meinen. Zu 100% hinter dem Ton stehen den man singt.
Und leise und locker? Einfach vergessen … ?
Aber leider klappte das nicht ganz. Ich habe es ehrlicherweise nur weggeschoben, so wie etwas, was man gerade nicht schafft und es auf später verschiebt, um sich darum zu kümmern.
Dadurch war ich glücklicher, freier, selbstbewusster. Und hatte auch wieder etwas Spaß am Singen.
Aber das Problem: das „Ideal“ vom leise und locker Singen. Es geistert immer noch in meinem Unterbewusstsein herum.
Aus verschiedenen Gründen. Weil es für eine bestimmte Methode die absolute Grundlage des Singen-Lernens ist. Und weil ich es nicht kann. Grundlagen nicht zu können ist frustrierend. Auch wenn es wohl eine andere Methode des Lernens ist. Eine andere Herangehensweise, um Singen zu lernen. Ich versuche mir das selbst zu erklären. Ich dachte, ich würde es glauben.
Lösungsversuche – Inneren Glaubenssätzen auf der Spur
Ich habe auch einige Newsletter von Gesangslehrern abonniert. Und einige youtube-Kanäle. So stoße ich regelmäßig auf bestimmte Themen.
Und da war es dann kürzlich wieder: das Loslassen. Bzw. eine Beschreibung, wie ungläubig und glücklich sie war, als sie merkte, wie wenig sie machen muss, um vollen Klang in der Stimme zu haben.
Und das löste bei mir leider wieder nicht nur die Sehnsucht aus, das auch zu erleben, sondern auch den Frust, besonders weil dann immer beschrieben wird, wie „einfach“ und „leicht“ es sich anfühlt, wenn man es gefunden hat.
Aber es ist eben nicht leicht finden. Und nicht einfach herzustellen. Im Gegenteil, wenn man unbedingt leicht und locker singen will, passiert genau das Gegenteil. Immerhin hat der Newsletter bestätigt, dass das frustrierend ist. Und es mit dem Willen „Ich singe leise und locker“ nicht funktioniert bzw. nicht funktionieren kann.
Im Internet bin ich zum Thema Loslassen auch auf einen Beitrag einer Gesangslehrerin gestoßen, die schrieb, dass sie dabei niemandem helfen kann, es zu finden. Der Schüler müsse das selbst finden.
Und da sage ich ganz klar: das widerspricht meiner Erwartung an Lehrer. Ich erwarte Hilfe. Natürlich muss man einiges für sich und in sich selbst entdecken. Aber die Unterstützung dabei, die benötige ich. Allein in seinem Kämmerlein – auch mit Internet und KI als Ratgeber – kommt man nicht weiter. Oder nur zu einem gewissen Punkt. Und der endet dann wie bei mir in Frust. Und sogar in dem Lösungsansatz, das mit dem Singen einfach zu lassen, wenn ich es einfach nicht hinbekomme.
Und immer wieder das Thema Glaubenssätze. Oder präziser negative Glaubenssätze. Und dass insbesondere Frauen oft denken, sie dürften nicht laut sein, dürften nicht selbstbewusst und dominant sein. Oder es hat jemand in der Kindheit gesagt, dass man schief singt. Und dann man hat sich nie wieder getraut laut – oder besser: nach Herzenslust – zu singen.
Es wird einem so vieles angeboten, was man möglicherweise denken könnte oder erlebt haben könnte.
Bei meinem Forschen nach Glaubenssätzen bin ich auf viel Frust gestoßen. Und immer wieder auf die Erkenntnis, dass mir niemand gesagt hat, ich sei zu laut. Und dass ich mir nie habe sagen lassen, was ich tun soll. Eine zeitlang habe ich sogar immer das Gegenteil getan, bis ich die Erkenntnis hatte, dass ich mich ja dadurch auch von anderen beeinflussen lasse. Ich tue das, was ich will, egal was jemand sagt. Das ist nicht immer leicht, weil es trotzdem den braven folgsamen und den rebellischen Anteil in mir gibt und die wollen grundsätzlich das Gegenteil. Und sind nicht hilfreich dabei herauszufinden, was ich will.
Aber was hat das mit Leise und Locker zu tun? Einiges. Denn erst mal muss ich herausfinden was ich will. Aus Prinzip gegen Leise und Locker zu sein hilft eben auch nicht.
Nur: die Unterstellung, das ich etwas Schlimmes in der Kindheit erlebt habe, warum ich es nicht zulassen kann, leise zu sein, das hilft auch nicht.
Das Verständnis der Lehrerin von vor ein paar Jahren („Erlaube Dir leise zu sein.“) möchte ich deshalb relativieren. Es ist Verständnis für ein psychisches Problem, das die Lehrerin annimmt, das ich das habe. Da wehrt sich gleich der Rebell in mir.
Was soll die Unterstellung? Außerdem hilft es nicht weiter.
Dadurch, dass beim Lesen des Newsletters noch mal alles hoch gekommen ist, der ganze Frust, die Verzweiflung etwas ganz Grundlegendes nicht zu können, bin ich aber wieder einen Schritt weiter gekommen. Denn wieder weinend auf dem Sofa sitzen, obwohl ich doch bereits vor einem Jahr beschlossen hatte, mich so nicht mehr fühlen zu wollen. So ratlos und hilflos. Nein!
Locker und leise – eine falsche Vorstellung?
Ich hatte die Erkenntnis, dass das Thema Leise und Locker Singen wohl doch nicht abgeschlossen ist für mich und ich es nur weggeschoben hatte. Und mir wurde bewusst, dass auch das Unverständnis der Lehrer, dass ich es nicht hinbekomme habe mit dem Leise-Singen, eine negative Erfahrung für mich gewesen ist. Denn dadurch hatte sich umso mehr festgesetzt: das ist etwas ganz Grundlegendes und so einfach, dass der Lehrer sogar glaubt ich würde absichtlich falsch singen, weil er sich überhaupt nicht vorstellen kann, dass ich nicht leise singen kann.
Also nun war es vollkommen klar:
Der Glaubenssatz der mich ausbremst ist genau dieses Leise-Singen, Locker sein, Loslassen können.
Die Vorstellung, dass ich Zenmeister-mäßig entspannt sein muss um Loszulassen und Singen zu können.
Durch den Newsletter habe ich darüber noch mal nachgedacht und im Gesangsunterricht noch mal geprüft, wie ich mich beim Singen fühle. Bzw. wie sich das Singen anfühlt. Und hatte die Erkenntnis, dass ich die Energie in mir fühle, dass etwas aus mir raus will. Der Atemstrom. Alles mögliche. Und das hatte ich im Widerspruch dazu gesehen, dass es „leicht“ und „locker“ sein soll.
Aber das ist es vielleicht gar nicht.
Ich hatte mir unter „locker“ und „leicht“ vielleicht nur etwas anderes vorgestellt. Denn mein Gesangslehrer hatte schon öfter gesagt, dass das für meine Stimme doch leicht gewesen sei. Also kann „leicht“ und „mit Energie“ wohl doch zusammenpassen.
Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass das Wort „leise“ nun zum Schluss hier nicht mehr vorgekommen ist. Dafür habe ich immer noch keinen Ansatz.
Aber ich freue ich, wenn mir jemand schreibt, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat und eine Lösung gefunden bzw. Erkenntnis dazu gewonnen hat
Und die Gesangslehrer möchte ich darauf hinweisen, dass sie durch Anweisungen wie „leise“ und „locker“ singen schlimmstenfalls genau die negativen Glaubenssätze in das Unterbewusstsein des Gesangsschülers setzen, die sie dort vermuten: ich bin zu laut, zu viel, …
Und die falsche Vorstellung (weil es sich ja leicht und locker anfühlen soll) dazu führt, dass man denkt, dass man falsch singt, obwohl man gerade mit voller, freier Stimme singt.






