Der Innere Kritiker – ich habe diesen inneren Anteil lange Zeit missverstanden. Habe ihn so gesehen wie in der Illustration zu diesem Beitrag. Dachte es ginge darum, mich selbst nicht fertig zu machen. Aber dass auch dazugehört, wie ich mit anderen Menschen umgehe und dass auch positive Bewertungen ein Problem sind, das war mir nicht bewusst.
In Workshops oder im Gesangsunterricht wollen die Lehrer einem helfen. Und setzen nicht nur bei der Stimme an. Sondern zum Beispiel auch bei der inneren Einstellung, Glaubenssätzen. Oder dem Inneren Kritiker.
Und ich fragte mich: Was hat es damit auf sich? Ist er das Böse in mir? Und bin auf verschiedene Methoden und Lösungsansätze gestoßen.
Bewerte Dich nicht = keine Gefühle?
Bewerte Dich nicht – ein gut gemeinter Rat. Aber so funktioniert das nicht. Man hört nicht einfach damit auf, weil das jemand sagt. Und auch nicht, weil man es will. Man kann sich aber bewusst machen, wenn man gerade sich oder andere bewertet.
Bei mir hat der Satz sehr negative Folgen gehabt. Ja, ich habe öfter den Kopf geschüttelt oder das Gesicht verzogen im Gesangsunterricht. Aber dann angekackt zu werden, teilweise sogar eher angeschrien: „Bewerte Dich nicht !!!“ hat nicht geholfen. Es hat dazu geführt, dass ich meine Gefühle unterdrückt habe, versucht habe jeden Muskel in meinem Gesicht zu kontrollieren um ja nicht wieder angeschrien zu werden.
Am Ende war aber alles umsonst: denn auch wenn meine Augenbraue sich nur noch einen Millimeter nach oben bewegte, verlor mein Gegenüber die Nerven und kackte mich an.
Und das Ergebnis war noch schlimmer: beim nächsten Gesangslehrer konnte ich lange Zeit gar keine Gefühle zeigen, war wie tot, konnte mich auch nicht freuen, wenn etwas klappte. Ich weiß noch eine Situation nach ein paar Monaten Unterricht: er strahlte mich an, als sich obere Resonanzräume bei mir öffneten und die Stimme mitten in der Übung wesentlich mehr Klang bekam. Er hat sich so gefreut. Und ein Teil von mir wollte sich mitfreuen, wollte glücklich sein. Aber ein anderer Teil von mir hat das verhindert. So tief war in mir verankert: auf keinen Fall irgendwelche Gefühle zeigen, sonst werde ich wieder angeschrien.
Das tut mir heute noch leid, für mich und auch für ihn. Er hat sich wirklich gefreut. Und blickte in ein starres, leeres bis trauriges Gesicht – traurig weil ich keine Freude zulassen konnte.
Also nein, das ist auf keinen Fall das Ziel, wenn es um den Inneren Kritiker geht.
Es geht nicht darum, keine Gefühle zuzulassen, keine Freude, aber auch kein Leid mehr zu empfinden.
Den Inneren Kritiker klein machen?
In einigen Workshops und auch bei einigen Gesangslehrern wird etwas näher auf das Innere eingegangen. Das heißt: statt einfach aufzufordern: „Bewerte Dich nicht“ werden Themen wie negative Glaubenssätze, innere Einstellungen und ähnliches angesprochen.
Und auch vom Inneren Kritiker gesprochen.
Er wird dann so wie in der Illustration zu meinem Beitrag (siehe oben) dargestellt.
Etwas Böses im Inneren, das einem sagt, dass man das eh nicht schafft. Etwas, das einen klein und schlecht macht. Das rührt von negativen Glaubenssätzen. Und die gilt es aufzuspüren und zu ersetzen. Das sind verkürzt zusammengefasst die häufigen Ratschläge und Anweisungen, um mit dem Inneren Kritiker fertig zu werden.
So kurz so einfach? Nein, es steckt da einiges an Arbeit dahinter, das aufzulösen. Es gibt überall viele Tipps und Wegweiser, wie man an sein Inneres rankommt. Ich habe davon vieles ausprobiert.
Beim Durchforsten und Analysieren meines Inneren bin ich immer auf meine drei zentralen Wertvorstellungen gestoßen: Respekt, Geduld und Verständnis.
Entsprechend entsetzt bin ich, wenn ich dann in Workshops von anderen höre, wie sie ihren Inneren Kritiker wegschieben, klein machen, negativ bewerten. Sich über ihn lustig machen, um ihn nicht ernst zu nehmen bzw. um ihm keinen Raum zu geben. Und das für eine gute Idee/Lösung halten.
In einem Workshop habe ich versucht, das vorsichtig anzusprechen. Dass es um einen respektvollen Umgang mit sich selbst geht und dass diejenigen, die ihren Inneren Kritiker fertig machen letztendlich nichts anderes tun, als sich selbst (bzw. einen Teil von sich) fertig zu machen.
Das habe ich im Workshop so nicht gesagt, da ich weiß, dass das mit hoher Wahrscheinlichkeit als Angriff gewertet würde. Ich habe ganz bewusst in Ich-Botschaften gesprochen und erklärt, wie es mir geht.
Dennoch wurde meine Botschaft nicht aufgenommen oder gar verstanden und es gab allseits nur Kopfschütteln und Erläuterungen nach dem Motto: du hast das gar nicht verstanden, was wir gesagt haben. Doch hatte ich … aber umgekehrt war nicht verstanden worden, was ich zu bedenken gegeben hatte bezüglich „Innerer Kritiker“.
Denn es geht um eine Innere Wertschätzung. Für sich selbst und andere. Und das beinhaltet, dass ich mich nicht selbst fertig mache, respektvoll und verständnisvoll mit mir umgehe und ebenso mit jedem anderen. Und auch mit meinen Inneren Anteilen.
Mit meinem Inneren Kritiker bin ich im Reinen. Denn er gehört zu mir. Ich finde es ist wichtig zu verstehen, dass Kritik an sich nichts schlechtes ist. Dass es auf die Situation ankommt. Und die Art und Weise der Kritik. Respektvoll und konstruktiv im Idealfall. Den Inneren Kritiker als Buh-Mann hinzustellen, halte ich meinerseits für den falschen Ansatz.
Sind positive Bewertungen etwas Schlechtes?
Oben habe ich bereits etwas dazu geschrieben, dass es beim Umgang mit dem Inneren Kritiker nicht darum geht, keine Gefühle (positiv oder negativ) mehr zu haben. Aber es geht auch nicht darum, keine negativen, sondern nur noch positive Bewertungen abzugeben. Es geht tatsächlich darum, KEINE Bewertung abzugeben.
Den Teil habe ich lange Zeit nicht verstanden. Denn ich sah in positiven Gefühlen und Bewertungen nichts schlechtes. War froh, dass ich mich irgendwann wieder freuen konnte und die schlechten Erfahrungen aus dem Gesangsunterricht verarbeitet hatte.
Umso irritierter war ich, als ich an verschiedenen Stellen mitbekam, dass es auch um positive Bewertungen geht. Ich dachte, es ginge nur darum, sich nicht selbst fertig zu machen.
Sich selbst und andere zu motivieren, positiv zu bewerten, das konnte doch nichts Schlechtes sein?
Je mehr ich mich aber mit meinem Inneren beschäftigte und über den Inneren Kritiker, Gedanken, Gefühle und Glaubenssätze las, umso mehr verstand ich, worum es bei dem Aspekt der „Bewertung“ geht. Dass „Ich bin so dumm, ich schaffe das sowieso nicht.“ eine Kehrseite mit demselben Problemen hat: „Boah, bin ich schlau, ich bin einfach die Beste.“
Zum einen haben Bewertungen oft auch einen vergleichenden Aspekt. Das heißt: indem ich mich supergut bewerte, werte ich andere ab.
Und so geht es eben nicht nur darum, sich nicht selbst fertig zu machen, es geht auch darum, andere nicht fertig zu machen.
Oft wird ja auch darauf hingewiesen, man solle sich nicht vergleichen. Meist wird als Beispiel dann etwas genannt wie „Die anderen können das besser als ich, es bringt gar nichts, wenn ich das versuche, ich werde das nie lernen …“. Es geht aber auch umgekehrt: „Ha, ich treffe die Töne viel besser als der …“, „Na, DIE Übung bekomme ich aber besser hin …“, „Hmm, die kann aber ihre Gefühle gar nicht so rüberbringen wie ich!“ (und dann diese eigenen Gedanken negativ bewerten und sich wieder selbst fertig machen wie arrogant und unsympathisch man ist … nein so kommt man nicht weiter)
Aber auch ohne einen Vergleich („Ich bin so gut, was interessieren mich andere?“) und wenn ich nur an mich denke, bin ich trotzdem in einem bestimmten Modus. Einem Bewertungsmodus. Ich freue mich nicht, ich genieße nicht, sondern ich bewerte.
Bezogen auf den Gesangsunterricht heißt das, dass es vom Zustand her erst mal egal ist, WIE ich mich bewerte. Ich bin im „Bewertungs-Modus“ und nicht im „Machen-Modus“. Bin abgelenkt durch Analyse – und dann ist es egal ob ich denke: „Urgh, der Ton klang aber schief.“ oder „Wow, der Klang war aber mal richtig toll.“
Es ist dieselbe Ablenkung. Auch wenn es mir selbst gegenüber „schöner“ und „netter“ ist, mich positiv zu bewerten, anstatt mich fertig zu machen. Und mich freuen will ich ja auf jeden Fall. Und mich auch mal ärgern. Ja … es ist ein schmaler Grat … zwischen Gefühlen und Bewertung.
Ehrlicherweise empfinde ich das auch immer noch als hohe Kunst. Mich nicht ablenken zu lassen. Egal durch welche Gedanken. Ich versuche im „Machen“ zu bleiben, aber es fällt mir immer noch schwer. Ich falle da immer mal wieder raus aus verschiedenen Gründen. Aber ich habe verstanden, warum jegliche Bewertung in bestimmten Situationen nicht weiterhilft.
„Beobachten und nicht bewerten“ war mal ein Tipp und vielleicht drückt das auch eine etwas andere Definition des Wortes „Kritik“ aus: konstruktiv und im Sinne des Findens einer Lösung. Nach dem Machen zu analysieren, um das nächste Mal etwas zu verändern.
Ich hoffe, diesen Beitrag hier später noch um eine wichtige Erkenntnis ergänzen zu können, denn leider bin ich an dieser Stelle noch etwas ratlos.
Perfekt sein?
Also doch das Idealziel, keine negativen Gedanken und Gefühle zu haben, weder sich selbst noch andere gut oder schlecht zu finden?
Wie so oft gibt es fließende Übergänge. Ist das Freude und Glück, Bedauern, ein trauriger Moment? Oder schon Bewertung und Kritik? Oder gar Neid, Häme?
Und es ist situationsabhängig.
Lese ich gerade diesen Blogbeitrag und stelle fest, dass er sehr lang ist und das, was ich sagen wollte, in den Hintergrund tritt? Dann ist das konstruktive Kritik bei dem was ich tue und was ich sagen, erreichen will. Oder mache ich mir Vorwürfe? Denke ich: „Oh Mann, schon wieder zu viel Gelaber, ich kann mich einfach nicht kurz fassen.“
Schneide ich mich am Papier und ärgere mich, weil ich den Brief, den ich wegschicken wollte, vollblute und verziehe das Gesicht, weil ich Schmerzen habe? Oder mache ich mich fertig, weil ich zu dumm bin einen Brief in den Umschlag zu stecken und wie immer vergessen habe Pflaster auf Vorrat zu kaufen?
Ich darf mich freuen, ärgern, weinen, laut „Was mach ich hier für einen Scheiß!“ schreien oder ausrufen: „Super, dass ich an die Pflaster gedacht habe.“
Ich darf alles fühlen und denken und auch mich und andere kritisieren. Aber ich sollte auf Geduld, Respekt und Verständnis für mich und andere achten. Mich und andere nicht „fertig machen“.
Denn: perfekt ist nicht das Ziel. Dabei würde ich im Übrigen wiederum alles bewerten was ich (und andere) machen und mich schlecht fühlen/machen, weil ich nicht perfekt bin. Und dieser Beitrag zu lang. Trotzdem will ich am Ende noch eine Geschichte loswerden …
Zusatzaufgabe
Damit es nicht so theoretisch bleibt, noch eine kleine Story aus einem Stressmanagement-Seminar, das ich mal besucht habe und das mir sehr geholfen hat. Und ein schönes Beispiel dafür, wie es ist, wenn jemand immer alles bewertet.
Eine Teilnehmerin hat ständig Kommentare abgegeben. Zu allem. Wir haben zum Beispiel ein Stressradar gezeichnet und sie rief beim Blick auf meines gleich aus: „Das geht ja bei Dir über die Linie drüber! Und du hast ja in allen Bereichen dauerhaft Stress!“ Ich dachte mir nur: ja, ist ja auch ein Stressradar – und das enthält die Bereiche die Stress verursachen und wie stark und oft.
Am nächsten Tag sollten wir etwas anderes ausfüllen und wieder kam ein Kommentar: „An Linien und Kästchen halten ist wohl nicht so deins!“
Mir war das egal, ich habe das so ausgefüllt wie ich es empfunden/mir in den Sinn gekommen war. Es war authentisch was ich gemalt/geschrieben hatte. Und half mir, einige Aspekte zu erkennen.
Kommentare und Bewertungen dazu brauchte ich nicht.
In der Mittagspause kaufte sie sich dann einen Schal, den sie gleich freudestrahlend präsentierte und meinte: „Der würde Dir auch gut stehen!“
Ihren Versuch, mir den Schal umzulegen habe ich dann mit kurzen, deutlichen Worten verhindert.
Ansonsten hatte ich (nachdem ich mich am ersten Tag mit ihr unterhalten hatte, aber gemerkt hatte, das mir das nicht gut tut, weil die Diskussionen mit ihr – da sie ja alles kommentierte und bewertete was jemand tat oder sagte - zu nichts Gutem führen würden) für mich beschlossen, nicht auf sie einzugehen. Es ging schließlich um Stressmanagement. Ich hätte sie als extrem anstrengend, nervig, übergriffig usw. bewerten müssen und mich mit ihr anlegen und mich extrem aufregen müssen.
Aber ich hatte mich dazu entschieden, zu atmen und zu entspannen, egal was sie sagt. Ich konzentrierte mich darauf, was die Dozenten sagten und auf die Aufgaben (bzw. die Ideen zum Stressmanagement und zur Entspannung). Ich nahm die Teilnehmerin als Teil des Seminars und „Zusatzaufgabe“.
Nachdem sie mich zwei Tage lang zugetextet hatte und ich sie eineinhalb Tage schweigend ignoriert hatte, suchte sie sich am dritten Tag mit dem Kommentar „Wir sind wie Feuer und Wasser!“ jemand anderen zum „Reden“ und auch die Aufgaben, die man zu zweit machen sollte, machte sie nun mit jemand anderem.
Die neue Partnerin fing dann an mit ihr zu diskutieren und es dauerte nicht lang, da hatte sich das „Gespräch“ soweit hochgeschaukelt, dass geschrien wurde und die Dozentin vermitteln musste.
Am Ende bin ich dann mit ihrer Ex- und meiner neuen Arbeits-Partnerin in der Mittagspause spazieren gegangen und sie fragte mich, wie ich das ausgehalten hätte und so ruhig geblieben sei. Ich sagte: „Einfach ignorieren. Ich habe innerlich langsam bis 10 gezählt ...“
Unter dem Aspekt des gegenseitigen Respektes finde ich die Lösung zwar schade, aber mit Miss „Zusatzaufgabe“ reden ging leider nicht. Und es ist ein gutes Beispiel, was man nicht tun sollte: andere Bewerten, alles, was jemand tut und wie er es tut, kommentieren …
Das ist genau das, was gemeint ist wenn es darum geht „Bewerte nicht!“ Nicht Dich selbst. Nicht andere. Kommentar-Funktion deaktivieren 🙂




