Der lockere Kiefer – ganz ohne Übungen?

Das Thema Kiefer kommt früher oder später im Gesangsunterricht, ab und zu mal auch in Workshops. Er soll locker sein, sich bewegen, je nach Gesangsstil soll das komplette Gesicht locker sein … all das wusste ich aber erst mal nicht.

Meine allererste Gesangslehrerin hatte ich über eine Freundin kennengelernt, die auch bei ihr Unterricht hatte und da wir beide als Studenten damals nicht viel Geld hatten, haben wir uns abgewechselt und waren alle zwei Wochen bei der Dame.

Es war wirklich eine Dame, gefühlt bestimmt 80 und tatsächlich vermutlich auch.

Sie wollte, dass ich ein „Doofen-Gesicht“ mache, der Begriff hat mich damals nicht gestört, aber rückblickend finde ich ihn ungeschickt gewählt, heute würden mein Geist und Körper sich gegen den Begriff wehren. Und ich dem Lehrer meine Meinung zur Wortwahl sagen.

Damals war ich jünger und offener was solche Begriffe betrifft und habe einfach gemacht. Dass es dabei auch um den Kiefer geht, hat sie nicht erklärt, aber dass alles im Gesicht entspannt sein soll beim Singen ergab sich aus dem, wie sie es zeigte und vormachte.

Leider hat meine Freundin damals bei ihr aufgehört und die Dame hatte dann einen Interessenten, der jede Woche kommen wollte, so dass ich auch nicht weitergemacht habe. Ich habe aber eine grundsätzlich positive Erinnerung an meinen ersten Gesangsunterricht, auch wenn es glaube ich nur ein halbes oder Dreivierteljahr war.

Die nächste Lehrerin hatte ich dann erst nach meinem Studium, sie war ganz anders, quirlig, leicht chaotisch und ich kann mich nicht erinnern, dass der Kiefer ein Thema war. Sie kam auch von einer ganz anderen Richtung. Die erste Lehrerin kam wohl aus der Klassik, die zweite aus dem Popbereich, die u.a. auch mit Belting arbeitete.

Aber auch das wusste ich damals noch nicht – dass es ganz unterschiedliche Ansätze und Methoden beim Singen gibt.


Das erste Mal das Thema Kiefer beim Singen

Ich fing an, immer öfter Gesangs-Workshops zu besuchen, und da tauchte das Thema Kiefer im Sinne von locker auf. Später hatte ich auch Lehrer, die wollten, dass ich den Kiefer bewege, meist kreisförmig.

Erklärt hat aber niemand irgendwas. Und ich weiß auch nicht genau, seit wann mein Kiefer verspannt war. Ich vermute irgendwann vor rund 10 Jahren oder etwas mehr. Ich bemerkte zwar den Stress, aber ehrlicherweise nicht am Kiefer.

Eine Lehrerin war dann mal ganz entsetzt und meinte „Das ist ja alles ganz fest!“ Ich mochte zwar nicht ihre naserümpfende Art, aber es war eine wichtige Information, so wusste ich, das irgendwas nicht stimmt.

Sie ließ mich den Kiefer hin- und herbewegen, aber es fühlte sich währenddessen und danach nicht überzeugend an. Ich bemerkte keine Veränderung. Damals vermutete ich, dass es an mangelndem Körpergefühl lag. Richtiger wäre gewesen, dass mir bestimmte Sachen einfach nicht aufgefallen waren. Vor lauter Stress beruflich und privat war ich insgesamt sehr verspannt. Und allgemeine Lockerungsübungen halfen da eben nicht mehr. Bzw. machten keinen Unterschied.


Große Kiefer-Probleme

Aber dann bemerkte ich etwas, nämlich dass ich generell Probleme mit dem Öffnen des Kiefers hatte, irgendwie war da sehr viel Druck drauf. Wenn ich sehr gestresst war (es gab damals nur die Varianten „gestresst“ und „sehr gestresst“ in meinem Leben), hatte ich Mühe, die Gabel beim Essen zwischen die Zähne zu bekommen. Das fiel definitiv auf. Ich wusste aber zunächst keine Lösung dafür.

Das Kieferkreisen half jedenfalls nicht. Mein neuer Gesangslehrer versuchte das damals auch. Aber es veränderte sich nichts. Ich war ratlos, denn beim besten Willen war und blieb alles weiterhin fest. Auch bei der Logopädin hatte ich Lockerungsübungen gemacht, doch auch da war ich nicht weiter gekommen bzw. hatte kein Gefühl der Lockerheit und Entspannung im Kiefer erlebt. Auch nach wochenlangem Massieren des Gesichts und Halses änderte sich nichts. Oder nicht genug, um es zu bemerken.

Erst ein Zufall half mir weiter: ich hatte Physiotherapie wegen meines Arms und bei dem Kurzlebenslauf meiner Therapeutin im Flur hatte ich irgendwas von Kiefer gelesen. So fragte ich sie interessiert, was sie in dem Bereich macht und ich hörte zum ersten Mal von CMD. Und bekam die wichtige Information, dass der Zahnarzt (und nicht wie von mir vermutet der Orthopäde) eine Manualtherapie speziell für den Kiefer verschreiben kann.

Das alles war völlig neu für mich, klang aber vielversprechend. Denn Dank Osteopathie hatte ich beim Thema Stress einen Durchbruch erzielt (vgl. Beitrag zum Thema Entspannung finden) und Dank Manualtherapie ging es nun meinem Arm besser.

Dann hatte ich Glück: mein Zahnarzt interessierte sich zwar eher für das Thema Knirschen, glaubte mir aber die Probleme mit der Verspannung. Und bei extremem Stress hatte ich auch mal geknirscht nachts, wie ich nun von meinem Mann erfuhr.

Ich bekam also nun Manualtherapie in Kombination mit Heißer Rolle und lernte ganz andere Bereiche der Gesundheit kennen. Von Knirschen und Co hatte ich bisher kaum etwas mitbekommen, nun erzählten mir plötzlich Bekannte, dass sie das seit Jahren haben und schon diverse Spangen zerbissen hätten.

Für mich war zunächst das Öffnen des Mundes eine riesige Herausforderung. Als die Physiotherapeutin meinen Kiefer von außen massiert und bewegt hatte, war noch alles gut gewesen. Aber als sie dann den Kiefer nach unten drücken wollte, merkte ich, mit welch ungeheurer Kraft und Intensität mein Kiefer dagegenhalten wollte. Ich konnte zwar verhindern, dass ich zubiss, aber alles war weit entfernt von locker und loslassen. Irgendetwas in mir wollte unbedingt die Zähne zusammenpressen.


Kartoffeln sind für vieles gut

Die Übungen waren ja auch für zu Hause. Dort konnte ich dann in Ruhe versuchen, meinen Kiefer zu bewegen. Und bemerkte, dass ich wirklich immer meine Zähne aufeinander presste. Nur ganz kurz beim Essen und Sprechen wurde das mal unterbrochen.

Ich konzentrierte mich also zunächst darauf, erst mal das Aufeinanderpressen zu lassen. Nicht mehr gegen die Entspannung zu arbeiten, die noch weit entfernt war. Und irgendwie fiel mir dann das Bild der „heißen Kartoffel“ ein, das in irgendeinem Workshop mal jemand genannt hatte.

Mir wurden die Zusammenhänge bewusst und auch wenn es keine heiße Kartoffel war: dadurch dass ich etwas im Mund hatte und mal darauf achtete, nicht nur mit dem Pressen aufzuhören sondern mir vorzustellen, die Kartoffel sei heiß und ich wollte sie möglichst wenig berühren, konnte ich zum ersten Mal bewusst wahrnehmen, wie es sich anfühlt, wenn der Kiefer tendenziell auf- statt zugehen will. Es fühlte sich absolut ungewohnt und seltsam an. Und auch überhaupt nicht locker und entspannt. Ich musste richtig arbeiten, um den Kiefer in die entgegengesetzte Richtung tendieren zu lassen. Ich benutze das Wort „tendieren“ mit Absicht. Mein Wille, den Kiefer nach unten statt nach oben zu bewegen reichte nicht. Dann hätten zwei Kräfte gegeneinander gearbeitet.

Denn es geht eben auch nicht darum, den Mund aufzureißen – das wäre dasselbe wie das aufeinanderpressen, nur in die andere Richtung. Es war das Gefühl, dass der Kiefer nach unten „tendiert“, eben wie bei einer heißen Kartoffel gar nicht nach oben will sondern eher weg. Und trotzdem will man die Kartoffel ja essen und deshalb kauen.

Ich achtete nun jeden Tag immer mal auf meinen Kiefer und wann immer sich meine Zähne gewohnheitsmäßig aufeinanderpressten, machte ich nun das Gegenteil. Ich benötigte noch einige Male die Kartoffel im Mund als Hilfsmittel. Es klingt für mich rückblickend auch schwer zu glauben und erschreckend zu gleich, aber ich hatte wohl damals jegliches Gefühl für Lockerheit verloren gehabt.


Neue Erlebnisse und eine gute Lösung

Aber wie ging es damals weiter? Ich benötigte ein volles Rezept, also sechs Mal, dann zeigte die Massage meines Gesichts und Kiefers eine deutliche Veränderung, es fühlte sich endlich lockerer an. Und zu meiner Überraschung war mein Gesangslehrer genau in der Stunde nach diesen sechs Wochen begeistert, dass sich nun ganz andere Resonanzräume geöffnet bzw. verbunden hätten im Brustbereich. Und ich selbst merkte auch, wie alles mehr schwang und klang. Es war ein wirklich tolles Gefühl von Resonanz. Ganz rund und voll.

Mit der Zeit verblasste die Wirkung der Massage (ich selbst konnte mich leider nicht so gut massieren, nur immer ein bisschen lockern) und auch wenn schleichende Veränderungen schwerer zu bemerken sind, fiel mir nach einem halben Jahr auf, dass alles wieder verspannter wurde. Erneut ließ ich mir Manualtherapie verschreiben. Und dieses Mal lockerte es sich schon nach zwei-drei Sitzungen. Das freute mich sehr, dass eine gewisse Basis geblieben war.

Das Ende der Behandlungsgeschichte ist, dass ich dann nochmal – als über ein Jahr vergangen war – meinen Kiefer behandeln ließ, um neue (leichtere) Verspannungstendenzen loszuwerden.

Denn wie bereits beim Rest meines Körpers hatte ich festgestellt, dass ich ab und zu die Massage von extern benötige, wenn es sich aus verschiedenen Gründen verspannt hat. Ich kann das nicht selbst entspannen.

Auch wenn ich heute mit gezieltem Griff z.B. mein Brustbein entspannen kann oder meine Schultern. Aber das hilft nur bei akuten kleinen Verspannungen. Nicht bei grundsätzlichen Verspannungen.

Und zum Thema Lockerheit: mein Kiefer fühlt sich in Gesangsübungen immer noch nicht locker an. Ich weiß inzwischen, was der Lehrer von mir will und was ich tun muss, aber gefühlt ist es dann immer weit unten und sehr seltsam geöffnet. Und nicht „locker“. Was für den Lehrer von außen „locker“ aussieht, fühlt sich für mich immer noch wie „Mund weit aufmachen“ an. Ich bin gespannt, ob sich das irgendwann ändern wird.

Mein Fazit

  • Kieferlockerungsübungen im Gesangsunterricht sind nett, helfen aber bei echten Verspannungen nicht
  • Wichtig ist die Information von jemandem zu bekommen, dass der Kiefer verspannt ist. Hier mein Appell an die Lehrer, dies zu tun, anstatt einfach pauschal Lockerungsübungen zu machen
  • Eine eigene Wahrnehmung für den Zustand des Kiefers zu haben ist sehr hilfreich, denn dann merkt man selbst, wenn man verspannt ist und was einem gut tut. Hier auch ein Appell an alle Lehrer, nicht einfach zu beschließen, was der Schüler braucht, sondern ihn mit einzubeziehen und zu fragen.
  • Aber das soll nicht heißen, dass Üben im Allgemeinen oder Übungen für den Kiefer nichts bringen oder nichts taugen.
  • Regelmäßiges Üben hilft auf jeden Fall und die Übungen aus der Illustration meines Beitrags und auch andere sind in Ordnung. Mir geht es um Individualität, dass Lehrer und/oder Schüler herausfinden, was dem Schüler hilft. Was er benötigt. Und so wie irgendwann Schulterkreisen nicht mehr hilft, weil Nacken und Rücken verspannt sind, hilft eben irgendwann auch ein Kieferkreisen nicht mehr. Trotzdem ist es super, um regelmäßig leichte Verspannungen zu lösen.
    Oder über einen längeren Zeitraum durchgeführt auch um mittlere Verspannungen wieder loszuwerden.

Nachtrag

Nun erzählte mir gerade eine Bekannte, dass sie sich mal Manualtherapie hat verschreiben lassen und ihr das gar nicht weitergeholfen hat. Sie hat damals ihr Verhalten geändert und seitdem regelmäßige Übungen für ihren Körper – allgemein und für den Kiefer – gemacht.

Deshalb möchte ich noch zwei Dinge klarstellen:

1. Wie in allen meinen Beiträgen geht es um meine persönlichen Erfahrungen und was mir weitergeholfen hat. Jemandem anderem hilft etwas anderes, deshalb soll bitte jeder selbst ausprobieren und herausfinden, was ihm gut tut und hilft. Ich bin immer für individuelle Lösungen statt einfach Standard-Übungen abzuspulen. Aber natürlich helfen die Standard-Übungen in einem gewissen (höheren) Prozentsatz der Fälle. Sonst wären es nicht die Standard-Übungen.

2. Lockerungsübungen sind richtig und wichtig. Man geht nicht einfach zur Manualtherapie und dann ist alles für immer gut. Regelmäßiges Üben / regelmäßige Bewegung sind immer wichtig, egal ob Kiefer, Stimme oder etwas anderes. Nur bei mir war es so, dass ich davor noch „Starthilfe“ bzw. „Entspannungshilfe“ benötigte. Mein obiger Beitrag soll nicht heißen, dass man einfach zur Massage/Manualtherapie geht und dann zu Hause so weiter macht wie bisher. Sondern er soll deutlich machen, dass manchmal die Lockerungsübungen einfach zu wenig sind …